Ausstellung
Die Anrufung – 100 Jahre Ingeborg Bachmann
im Dialog mit Sarah Bogner, Christoph Hinterhuber, Christine Ljubanović, Peter Lorenz, Wolfgang Pfaundler, Siljarosa Schletterer
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Der Kunstraum Schwaz widmet der österreichischen Literatin und Lyrikerin Ingeborg Bachmann anlässlich ihres 100. Geburtstags eine Ausstellung. Bachmann zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts und ihr außergewöhnliches Wirken ist bis heute allgegenwärtig. Ihr Werk zeichnet sich durch eine einzigartige Sprachkunst aus, die sich mit radikalen und hochgradig philosophischen Ansätzen über traditionelle Grenzen bis heute hinwegsetzt. Hierzu nutzte sie die Sprache nicht nur als Werkzeug, sondern machte das Zweifeln an der Sprache und das Ringen mit dem Unsagbaren zum zentralen Motiv ihres Schaffens. Beeinflusst vom Philosophen Ludwig Wittgenstein war Bachmann überzeugt, dass unsere Sprache oft zu eng gedacht ist, um die ganze Wahrheit des menschlichen Leidens, der Liebe oder des Krieges auszudrücken. Ihre Texte bewegen sich ständig an der Grenze dessen, was überhaupt noch gesagt werden kann. In diesem Sinne formulierte sie 1959, anlässlich ihrer Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden in Frankfurt am Main, den bis heute ikonischen Satz: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“. Die poetische Dichte war ihr von Beginn an gegeben. Aus ihrer innewohnenden Musikalität entwickelte sie ihre unverkennbare Dekonstruktion der Sprache. Ihre frühe Lyrik (wie Die gestundete Zeit) bündelt existenzielle Ängste und historische Traumata in hochkomplexen, bildgewaltigen Metaphern. Hingegen besitzt Bachmanns Prosa (wie der Roman Malina) einen stark rhythmischen, fast musikalischen Charakter. Sie montiert Stimmen, Träume, Briefe und Zitate zu vielschichtigen Textgeweben. Mit ihrem Werk etablierte sie einen radikalen Feminismus der Sprache. In ihrem unvollendeten und fast über 5000 Manuskriptseiten reichenden Todesarten-Projekt zeigt sie auf, wie die alltägliche, patriarchalisch geprägte Sprache Gewalt gegen Frauen ausübt und sie unsichtbar macht.
Der Ausstellungstitel “Die Anrufung – 100 Jahre Ingeborg Bachmann” bezieht sich als Hommage auf das 1956 erschienene Gedicht und den gleichnamigen Gedichtband „Anrufung des großen Bären“. Das Buch liegt auch als signierte Erstausgabe in der Ausstellung auf, wie auch unterschiedliche Referenzen zu ihrem Tirol Bezug. Zum ersten Mal führte Bachmanns Weg im September 1945 nach Innsbruck, um für ein Semester Philosophie zu studieren. Der Grund hierfür war, dass die Innsbrucker Universität als erste den Lehrbetrieb in Österreich nach dem Krieg wieder aufnahm. Ein weiteres Mal besuchte sie die Stadt 1957, um auf Einladung von Lilly von Sauter – mit der sie seit den frühen 1950er Jahren einen engen Austausch unterhielt – die 8. Jugendkulturwoche in Innsbruck zu besuchen. Hier traf sie auch den Tiroler Volkskundler, Fotografen, Schriftsteller und Aktivisten Wolfgang Pfaundler (1924-2015), der sie fotografisch porträtierte. In der Ausstellung finden sich unveröffentlichte Aufnahmen aus dieser Serie, die den Rundgang durch die Galerieräume zu einem wiederkehrenden Dialog mit Ingeborg Bachmann machen.
Die Anrufung kann im literarischen Sinne als feierliche Beschwörung einer Muse verstanden werden. In diesem Sinne erschließt sich die Gruppenausstellung als Hommage an das Werk der Sprachkünstlerin. Die bildenden Künstlerinnen Sarah Bogner, Christoph Hinterhuber, Christine Ljubanović, Peter Lorenz, Wolfgang Pfaundler und die Autorin Siljarosa Schletterer reagieren mittels Fotografie, Installation, Malerei, Performance, Lyrik und Sound auf das Werk der Autorin und öffnen einen künstlerischen Resonanzraum zwischen Biografie, Literatur, Poetik und Gegenwart. Dem poetischen Frühwerk widmen sich Bogner, Lorenz und Schletterer, während Ljubanović und Hinterhuber auf das Spätwerk reagieren. Die in Wien lebende Malerin und Soundkünstlerin Sarah Bogner (1980) verwebt Originalaufnahmen von Lyrik-Lesungen von Ingeborg Bachmann und verwebt sie mit eigenen Soundfragmenten: „Bouquet / Wir sind Blumen / Aus dem selben Strauß / Dinge haben Wurzeln und Früchte / Angelegenheiten haben Anfang und Ende / Finde the one that zooms in on you / kein Weg außer man geht ihn / Alles ist romantisch“. Mit seiner Performance “Frühe Untergänge” entwickelte der Tiroler Künstler, Theaterautor und Regisseur Peter Lorenz (1995) eine Textcollage aus den frühen Gedichten Bachmanns, die er zur Eröffnung der Ausstellung in einem von ihm entworfenen Set szenisch darstellt. In „NACHLIEBEN.BACHMANN / RÖMISCHE ANRUFUNGEN“ spürt die Lyrikerin Siljarosa Schletterer (1991) den Lieben und Trennungen nach. Ausgangspunkt sind Beziehungen und Briefwechsel von Ingeborg Bachmanns zu Paul Celan und Max Frisch. Rom, das für Bachmann über viele Jahre Lebens- und Schreibort war, bildet den Bezugspunkt der Arbeit. Die zwei ineinandergeschobenen Gedichtzyklen spiegeln die Transformation von einem Ich zu einem Du. Sie entstanden auf einer Olivetti 44, jenem Schreibmaschinenmodell, das auch Bachmann in den 1960er-Jahren verwendete. Mit ihrem Werk “Ungargassenland” (1980) nähert sich die in Paris lebende Tiroler Künstlerin Christine Ljubanović (1939) der im Roman Malina beschriebenen Ungargasse in Wien an. Und der Tiroler Künstler Christoph Hinterhuber (1969) gestaltete einen Schriftzug, der sich auf das finale und unveröffentlichte Werk der Todesarten bezieht, der im Ausstellungsraum und auf einer Plakatwerbefläche, die direkt an der Außenmauer des Grafengartens angebracht und von der Wopfnerstraße aus zu sehen ist.
Karin Pernegger
Die Ausstellung wird begleitet von einem intensiven Vermittlungsprogramm, das u. a. in Kooperation mit den Klangspuren Schwaz, dem Literaturforum Schwaz und der Musikschule Schwaz entstanden ist, bzw. wird die Ausstellung durch das Mitwirken der Tiroler Landesmuseen und der Forschungsstelle Brenner-Archiv der Universität Innsbruck unterstützt.
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