Ausstellung
Flirt versammelt eine Auswahl von Werken der in Innsbruck lebenden Künstlerinnen Lea Abendstein und Isabel Peterhans und gewährt Einblicke in ihr künstlerisches In-Beziehung-Treten. Anstatt die Ergebnisse einer klar umrissenen Kooperation zu präsentieren, versteht sich die Ausstellung selbst als Mittel der Annäherung – als Teil eines ergebnisoffenen Prozesses. Im Hinarbeiten auf die Ausstellung entdeckten die beiden Künstlerinnen unerwartet viele Berührungspunkte in ihren Arbeitsweisen. Ein intensiver E-Mail-Austausch begleitete diesen Dialog. Kunst erscheint hier als relationale Praxis, Ausstellen als Methode, die die Grenzen des Eigenen und dessen, wer man zu sein glaubt, porös werden lässt. Wer sind wir, wenn wir uns nicht aufeinander einlassen, nicht verbunden sind? Wie kann der Aufbau einer tieferen Beziehung zur Welt gelingen? Verbundensein, so schreibt Kae Tempest, setzt das volle Annehmen und Erleben des gegenwärtigen Moments voraus. Kreativität kann dabei ein Weg sein, „um Verbundensein zu erreichen und sich mit denjenigen, die den Moment mit einem teilen, in einen Raum größerer Verbundenheit zu begeben.“[1]
Im Eingangsbereich der Ausstellung sind die Besucher*innen eingeladen, sich auf diese Begegnung einzulassen – Schicht um Schicht zu betreten, zu durchdringen und abzulegen. Der Blick fällt auf helle Stoffbahnen, die von den Künstlerinnen mit Naturmaterialien eingefärbt wurden. Beschrieben mit zentralen feministischen und philosophischen Lektüren der Künstlerinnen und ergänzt durch Ausschnitte aus der E-Mail-Korrespondenz, fiktive Flirtgespräche sowie eine Auflistung an Selbst- und Fremdzuschreibungen, hängen die Stoffschichten hintereinander und formen einen Durchgang. Die Textfragmente gleichen verwischten Tätowierungen auf Hautschichten und verweisen auf das nachhaltige Gefühl, sich in den Worten einer anderen Person wiederzufinden und sie mit sich zu tragen.
Wird die Textilassemblage Seamless nicht unmittelbar zu Beginn durchschritten, entfaltet sich der Rundgang entlang eines chronologischen Fadens. Dieser führt von der Annäherung der künstlerischen Praxen über eine Verdichtung ihres kreativen Verbundenseins bis hin zu einem Ankommen. Dieses Ankommen markiert jedoch keinen Abschluss, sondern öffnet einen Raum für Intimität und Verletzlichkeit, in dem der Wunsch der Künstlerinnen nach einem gemeinschaftlicheren Dasein greifbar wird.
Im Flur rechts vom Eingang zeigen die Künstlerinnen Collagen, in denen sie über Prozesse des Ordnens, Schichtens, und Neu-Zusammensetzens reflektieren. Für die Serie Heimsuche arrangiert Isabel Peterhans im Atelier anfallende Reste – eine wiederkehrende Vorgehensweise in der Praxis beider Künstlerinnen – zu organischen Formen und überführt sie dadurch in eine temporäre Ordnung. Trotz ihres vermeintlichen Stillstands erscheinen die verschlungenen botanischen Motive als Zeugen von Verflechtungen, die sich unserer Wahrnehmung entziehen. Spiegelbildlich dazu schaffen die Fotocollagen mit dem Titel Intermezzo an der gegenüberliegenden Wand neue Zusammenhänge. Lea Abendstein schneidet in Selbstporträts die Umrisse ihres Körpers aus – zurück bleibt eine Leerstelle, als Frage nach alternativen Handlungsräumen.
Im Hauptraum treten Malereien von Isabel Peterhans und Fotografien von Lea Abendstein in einen assoziativen Dialog. Abendsteins Fotografien entstammen einem stetig wachsenden Archiv von Handyaufnahmen, in dem sie Ausschnitte ihrer Umwelt heranzoomt: Muster, verschwommene Lichtspiele, Stimmungsbilder des Alltags. Sie begegnen Peterhans’ figurativen bis abstrakten Malereien, die – inspiriert von naturphilosophischen Texten – durch Wahrnehmungen angestoßene innere Prozesse sichtbar machen. Zur Verbundenheit zwischen den Künstlerinnen tritt in Ich sehe was, was du nicht siehst eine neue Dimension – die Beziehung zur sie umgebenden Welt.
Die prozessuale Annäherung kulminiert schließlich in der gemeinsamen Rauminstallation Rest to Gather im Studio, die sich dem Themenkomplex ‚Zuhause‘ als Ort der (Selbst-) Begegnung widmet und sich als kritischer Kommentar auf eine Gesellschaft verstehen lässt, in der Menschen in einem Zustand innerer Abgekoppeltheit leben – von sich selbst, von der Natur und vom sozialen Gefüge. Aus Textilresten gewebte Teppiche von Abendstein treffen auf Banner von Peterhans, für die sie Stoffstücke zu reduzierten Formen komponiert hat. Projizierte Bilder von Tischen, die Momente des Zusammenkommens dokumentieren, ergänzen die textilen Arbeiten. Weiblich konnotierte Beziehungsweisen wie Nähe, Miteinander und Fürsorge treten hier als wesentliche Dimensionen künstlerischer Praxis und sozialen Zusammenlebens hervor. Besucher*innen sind eingeladen, die Schuhe abzustreifen, bei Ö1-Radioklängen zu verweilen und sich am kollektiven Strickwerk zu beteiligen. Inmitten der Weichheit der Textilien wächst die Möglichkeit, gemeinsam darüber nachzudenken, wie lebendige Orte des Verbundenseins geschaffen werden können.
Der vorgeschlagene Rundgang endet mit dem (erneuten) Durchschreiten der Textilassemblage. Hier werden Textfragmente zur Einladung, über Grenzen hinweg ins Gespräch zu kommen – über jene Linien, die Räume und Menschen trennen, und über die Möglichkeit einer kritischen Neubewertung unserer vielfältigen Weltbeziehungen. Die Ausstellung wurde von Nadja Ayoub, der ehemaligen Leiterin des Kunstraum Schwaz eingeladen und von ihrer Nachfolgerin Karin Pernegger betreut.
Text: Veronika Riedl
Lea Abendstein hat an der Akademie der bildenden Künste Wien Fotografie und bildende Kunst studiert. Sie arbeitet als Kunstvermittlerin in der Kunst- und Architekturwerkstatt für Kinder und Jugendliche bilding, seit 2021 als freischaffende Künstlerin und seit 2025 auch als Shiatsupraktikerin in Tirol und Wien. Sie ist Teil der feministischen Softpunk-Band kill-the band und isst gern Spinat. Ihre Arbeiten wurden mit dem Wolf-Suschitzky-Preis für Fotografie sowie mit dem Josef-Franz-Würlinger-Preis der Stadt Innsbruck ausgezeichnet.
Isabel Peterhans absolvierte ein Studium der Visuellen Kommunikation mit Vertiefung Illustration an der Hochschule Luzern – Design Kunst Film sowie an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Seit 2012 ist sie freischaffende Illustratorin, Künstlerin und Kunstvermittlerin; seit 2018 lebt sie mit ihrer Familie in Innsbruck. Ihre Arbeiten erscheinen in nationalen und internationalen Zeitschriften und Büchern.
[1] Kae Tempest, Verbundensein. Suhrkamp, 2021, 15f.
Bild © Lea Abendstein Isabel Peterhans
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